Thesen zum Imperialismus

von Hans Christoph Stoodt

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1. Die grundlegenden Strukturmerkmale des Imperialismus in politischer Ökonomie und Staat imperialistischer Gesellschaften sind weiterhin genauso, wie sie Lenin 1915f beschrieben hat: Monopolkapital und Bankkapital sind zum Finanzkapital verschmolzen, das den Staatsapparat durchdringt und zugleich von ihm abhängig ist. Der Imperialismus ist die höchste und letzte Phase der kapitalistischen Gesellschaft, gekennzeichnet von Parasitismus, unvermeidlicher Notwendigkeit von Kriegen und der immer vorhandenen Gefahr der Faschisiserung.  Auch ideologisch ist der Imperialismus eine Phase des Niedergangs. Der Irrationalismus ist seine adäquate gesellschaftliche Bewußtseinsform.

2. Nach der Konterrevolution von 1989ff ist die imperialistische Neuaufteilung der Erde erneut weitgehend abgeschlossen ohne je an ihr Ende kommen zu können. Aus inneren Gründe kann das imperialistische Weltsystem auch weiterhin nie zum Abschluß eines „Friedens von Oben“ gelangen. Heute gibt es keinen einzigen zwischenstaatlichen oder innergesellschaftlichen Konflikt, der nicht auch Erscheinungsform des Imperialismus ist.

3. Weiterhin gilt das Gesetz der ungleichmäßigen ökonomischen Entwicklung des Kapitalismus in seinem letzten Stadium. Es gibt nicht „den Imperialismus“, sondern erbittert konkurrierende imperialistische Staaten unterschiedlicher Dominanz / Abhängigkeit. Lenin benutzte dafür das Bild der Kette, an deren schwächsten Glied anzusetzen ist, ebenso möglich ist auch das Bild der imperialistischen Pyramide als Ausdruck der gegenseitigen Abhängigkeit und Konkurrenz imperialistischer Staaten. Hieraus resultiert bei changierender Multipolarität der staatlichen Beziehungen eine wachsende globale Instabilität des Imperialismus als System, die jederzeit auf Krieg hinauslaufen kann.

4. Heute bestimmen wachsende globale Probleme in einem historisch verschärften Ausmaß die Menschheit insgesamt. Sie sind allesamt Ausdruck des imperialistischen Weltsystems und seiner Krisenhaftigkeit, seiner Fäulnis und seines Parasitismus: Kapitalüberakkumulation bei gleichzeitiger Unterkonsumtion weiter Teile der Weltbevölkerung, Klimakrise, Wasserkrise, Hunger, Migration, die demographische Weltentwicklung, das Verhältnis von Stadt- und Landentwicklung. Sie alle haben gemeinsam, zeitkritisch zu sein und zugleich im Rahmen des Imperialismus nicht gelöst werden zu können. Das Überleben der Gattung hängt vom globalen Sieg über den Imperialismus ab.

5. Die genannten Probleme und die Frage von Krieg und Frieden ist nicht im Rahmen der kapitalistischen/imperialistischen „Ordnung“ denkbar. Der Imperialismus kann nicht domestiziert werden. Versuche in dieser Richtung säen Illusionen, sorgen für Zeitverlust und stabilisieren auf diese Weise letztlich den Imperialismus.

6. Wir befinden uns in der Epoche der allgemeinen Krise des Kapitalismus / Imperialismus. Es gibt keine denkbare Möglichkeit, deren drängende Probleme dauerhaft im Rahmen der geltenden Ordnung zu Lösen. Ein solcher Versuch der Herrschenden (und niemand anders als sie kann an einem solchen Versuch objektiv ein Interesse haben) ist immer nur zeitweilig und nur gewaltsam denkbar – der Faschismus (Palme-Dutt). Die Lösung aller drängenden Probleme imperialistischer Gesellschaften kann nur auf der Grundlage sozialistischer Revolutionen stattfinden – andernfalls kommt es für weite Teile der Welt zum „gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“ (Marx / Engels, Manifest).

7. Arena der Kämpfe für die sozialistische Revolution bleibt der Nationalstaat. Der Grund dafür ist die Tatsache, daß trotz internationaler Vernetzung des Kapitals jedes Kapitalverhältnis in letzter Instanz nationalstaatlich verortet ist und wenn nötig letztlich auch auf dieser Basis ökonomisch oder außerökonomisch gesichert wird.

8. Bündnisse imperialistischer Staaten sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. NATO, EU, BRICS usw. können nicht „reformiert“, sie müssen überwunden werden. Das ist nur durch Kämpfe im Rahmen der bestehenden Nationalstaaten zu erreichen, die ihrerseits natürlich internationalistisch vernetzt sein können und müssen.

9. Entscheidender Feind in allen Kämpfen gegen den Imperialismus ist das Finanzkapital und sein Staat. Es kann nur durch die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten und nur unter Führung einer marxistisch-leninistischen Partei geschlagen werden. Sie sind der entscheidende Teil des subjektiven Faktors einer revolutionären Beseitigung des Imperialismus und müssen darum aufgebaut, gestärkt, auf alle Eventualitäten vorbereitet sein / werden.

10. Opportunismus, Reformismus und Sozialdemokratie sind wesentliche Hindernisse bei der Erarbeitung inhaltlicher Klarheit, in der Frage der Ausarbeitung einer konsequenten revolutionären Strategie sowie der praktisch-organisatorischen Vorbereitung des notwendigen Umsturzes im Kampf für die sozialistische Revolution. Sie entstehen gesetzmäßig immer wieder neu auch in den Reihen revolutionärer Bewegungen. Es kann keinen Erfolg gegen den Imperialismus ohne einen andauernden Kampf gegen diese Kräfte geben.

11. Das Ziel des Kampfs gegen den Imperialismus ist die sozialistische Revolution. Zwischen ihr und dem Imperialismus gibt es keine Übergangsformen irgendeiner Art. Revolutionäre Bündnispolitik ist nur auf der Basis revolutionärer Autonomie und aus einer Position eigener Dominanz in solchen Bündnissen sinnvoll. In genau diesem Sinn sind „breite Bündnisse“ neu aufzubauen.

12. Das Nutzen von innerimperialistischen Widersprüchen im Kampf gegen den Krieg oder auf dem Weg zur Revolution ist nur denkbar aus einer Position der Eigenständigkeit, Klarheit und Organisiertheit heraus. In keinem Fall ist es Aufgabe einer kommunistischen Partei, sich in zwischenstaatlichen imperialistischen Konflikten auf die Seite des vermeintlich „schwächeren Imperialisten“ zu stellen.

13. In der aktuellen politischen Lage der BRD gibt es zwei objektive, bisweilen auch subjektive  Querfronten in der Frage des Antiimperialismus: Einerseits die eine, die schon seit Jahren aktiv ist – von Elsässer und Compact über Ken Jebsen und seine JüngerInnen in den Friedensmahnwachen usw. bis hin zu Teilen linker Organisationen, wie dem Freidenkerverband, der Arbeiterfotografie und so weiter.
Andererseits eine, die ursprünglich „antideutsch“, inzwischen eher „antinational“ argumentiert und in der „radikalen Linken“ weit verbreitet ist. Beide Querfronten nutzen sowohl verbal linke Argumentationsmuster und finden zugleich Anschluss an rechte Positionen – das macht sie als Querfronten aus.

14. Es steht als Aufgabe vor der antiimperialistischen und Antikriegsbewegung der Linken im Land, sich von beiden Querfronten deutlich und argumentativ zu trennen, das taktische bis zentristische Tolerieren als falsch erkannter Positionen zu beenden,  in den eigenen Reihen politische Klarheit über den Klasseninhalt des Antiimperialismus zu schaffen zu schaffen und zugleich breite Bündnissse erst auf der inhaltlichen Basis dieses Prozesses (wieder) aufzubauen, die sich von vornherein als internationalistisch verstehen.

6 Gedanken zu „Thesen zum Imperialismus

  1. Ihr schreibt:
    „7. Arena der Kämpfe für die sozialistische Revolution bleibt der Nationalstaat. Der Grund dafür ist die Tatsache, daß trotz internationaler Vernetzung des Kapitals jedes Kapitalverhältnis in letzter Instanz nationalstaatlich verortet ist und wenn nötig letztlich auch auf dieser Basis ökonomisch oder außerökonomisch gesichert wird.
    8. Bündnisse imperialistischer Staaten sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. NATO, EU, BRICS usw. können nicht „reformiert“, sie müssen überwunden werden. Das ist nur durch Kämpfe im Rahmen der bestehenden Nationalstaaten zu erreichen, die ihrerseits natürlich internationalistisch vernetzt sein können und müssen.“
    Es ist zwar richtig, dass das gesellschaftliche Gesamtkapital seine Existenz als Nationalkapital konstituiert. Daraus aber den Schluss zu ziehen, dass sich KommunistInnen beim Aufbau ihrer revolutionären Organisation daran orientieren sollten, verkennt eben den internationalen Charakter des Proletariats – im Gegensatz zu dem der Bourgeoisie (die, trotz aller Differenzen, durchaus über internationale Organisationen zur Durchsetzung ihrer Interessen als Klasse – UNO, NATO, EU, Weltbank, IWF, G7, G20 – verfügt)!
    Ich sehe darin einen Rückfall hinter den – auch in der Frage des organisatorischen Aufbaus bereits erreichten – revolutionären Internationalismus. Die Ausbreitung der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse auf der ganzen Welt, das ungeheure Wachstum des Welthandels, die Entwicklung einer internationalen Arbeitsteilung, die Verzahnung von nationalen Ökonomien auf dem Weltmarkt, der gewaltige zahlenmäßige Anstieg der ArbeiterInnenschaft weltweit, das Scheitern und der Niedergang aller Bemühungen, eine postkapitalistische Gesellschaftsordnung innerhalb von Landesgrenzen aufzubauen, all diese Faktoren zeigen, dass das Proletariat eine internationale Klasse ist, die einem internationalen System und Klassenfeind auf Weltebene entgegentritt. Die proletarische Partei muss deshalb eine Internationale sein, eine Weltpartei der gesellschaftlichen Revolution.
    Es ist absolut falsch und im Kern ein Zugeständnis an nationale Verurteile, eine nationale Organisation als das Fundament und eine Internationale als ein Dach zu betrachten – sofern die Errichtung einer neuen Internationale mit einem gemeinsamen Programm hier überhaupt noch als Ziel mitgedacht ist, oder aber bereits durch eine lose ‚Vernetzung‘ ersetzt wurde. Eine lose ‚Vernetzung‘ nationaler Kämpfe kann dem Proletariat aber keinen Sieg bringen!
    Die Schaffung einer revolutionären Organisation, ja einer Partei, ist nicht nur eine Frage der Sammlung von GenossInnen im nationalen Rahmen. Sie ist v.a. auch eine Frage der Sammlung für ein gemeinsames politisches Konzept: ein Programm. Ein solches Programm muss ein klares Ziel skizzieren: den Sturz des Kapitalismus durch die sozialistische Revolution, die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparats, die Enteignung der herrschenden Klasse und die Errichtung einer demokratischen Planwirtschaft, die Machtergreifung der Arbeiterklasse, die Errichtung ihrer Herrschaft, gestützt auf Räte und Milizen. Es muss deshalb eine klare internationale Ausrichtung haben auf die internationale Revolution. Dafür braucht es eine neue Internationale mit einem gemeinsamen Programm, keine lose ‚vernetzten‘ nationalen Parteien!

  2. Hallo Michael Pauper,

    da rennst Du bei uns offene Türen ein.

    In unserer auf dieser Seite nachzulesenden Kritik am Leitantrag der DKP zum 22. Parteitag schreiben wir zum Schluß des Punkts (2) „Niederlagenanalyse“, daß wir der Ansicht sind, bi- oder multilaterale unverbindliche Diskussionen zwischen kommunistischen Parteien könnten eine notwendige verbindliche Diskussion strategischer Fragen in der kommunistischen Weltbewegung nicht ersetzen. Der Aufbau einer neuen KI scheint mir unabdingbar zu sein.

    Daß ich der Meinung bin, die trotzkistische 4. oder sonstige Internationale oder auch die ICOR, die hierzulande durch die MLPD repräsentiert wird, könne diese Rolle keinesfalls spielen, wird Dich nicht wundern.

    Falls doch, lies einfach in unserem auf dieser Seite veröffentlichten Text „Die notwendige Abgrenzung gegen Opportunismus und Revisionismus“ nach, wie wir dazu grundsätzlich stehen.

    • Danke für den Hinweis. In diesem Diskussionbeitrag wurde die Notwendigkeit des Aufbaus einer neuen Interantionale allerdings nicht genannt, sondern lediglich von nationalen Organisationen und von Kämpfen innerhalb des Nationalstaates gepsrochen, die irgendwie (ja, auf welcher Grundlage eigentlich) international ‚vernetzt sein können und müssen‘.

      Ich habe den Text, auf den Du anspielst und in dem eine ‚Abgrenzung‘ gegenüber dem ‚Trotzkismus‘ skizziert wird, bereits gelesen und kommentiert. Dabei habe ich aufgezeigt, dass die Abgrenzung gegenüber dem ‚Trotzkismus‘, wie sie von den beiden Autoren vorgenommen wird, auf Unterstellungen und Verleumdungen gründet, nicht aber auf einer wissenschaftlichen Analyse. Es wurden dort schlicht viele falsche Behauptungen bezüglich der Positionen Trotzkis aufgestellt, die nachweislich nicht mit dem übereinstimmen, was Trotzki tatsächlich geschrieben hat. Die Quellen habe ich angegeben, sie sind im Internet für jeden einsehbar.

      Vielleicht könntest Du ja noch mal etwas genauer darauf eingehen, warum und welcher ‚Trotzkismus‘ (es gibt ja sehr viele trotzkistische Gruppen) für Dich keine Alternative darstellt?

      Falls Du Dich für eine fundierte Kritik am ‚Trotzkismus‘ interessierst, kann ich Dir folgenden Text empfehlen: http://www.arbeitermacht.de/broschueren/vs/index.htm. Der stammt allerdings von Leuten, die sich selbst auf Trotzki berufen. Dennoch steht diese Kritik im Gegensatz zu dem Text „„Die notwendige Abgrenzung gegen Opportunismus und Revisionismus“ auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament.

  3. Zusammengestoppelt ….

    Ich nehme an, die ‚Thesen…‘ sind eine Art erster Aufschlag zum Thema in eurem „kommunistischen Klärungsprozess“ und der Autor bzw. die AutorInnen wollen damit wohl auch eine Diskussion anschieben, die dann im besten Fall weiterentwickelt, was da steht. Die bisherigen Dokumenten eures kKP finde ich nicht so berauschend, diese Thesen hier sind leider es erst recht nicht und eignen sich auch leider nicht als ‚Aufschlag‘.

    Der historische Hintergrund von ‚Imperialismus‘ im Text enthält soviel Auslassungen (der imperialistische zweite Weltkrieg und seine Folgen, das Entstehen von nationalen Befreiungsbewegungen nach diesem Krieg, die Spaltung der kommunistischen Weltbewegung im Zuge der Polemik über die Generallinie seit den 1950er und 1960er Jahre), daß auf dieser noch weniger als nur löchrigen Grundlage gar nicht erklärt werden kann, wo KommunistInnen heute ansetzen müssen, um strategisch und taktisch erfolgreich sein zu können.

    Denn in den Jahren zwischen Lenins Imperialismusanalyse und heute gab es ja unbestreibar längere Zeiträume, in denen KomministInnen ganz gut dastanden (China und die europäischen Volksdemokratien, Korea, Indochina, Kuba), wo es in Asien, Afrika und Südamerika einen unglaublichen Aufschwung nationaler antikolonialer und antiimperialistischer Befreiungsbewegungen gab. Man muß sich doch um die Beantwortung die Frage bemühen, warum es der kommunistischen Weltbewegung jetzt nicht so gut geht.

    Stattdessen taucht dann am Ende die sehr voluntaristische und auch fragwürdige Schlußfolgerung zum Thema ‚Querfronten‘ am Ende (Punkt 13 u.14) auf.

    Meint solidarisch grüßend
    Frank Braun, Hannover

    • In den Thesen zum Imperialismus von Hans-Christoph Stoodt geht es um das Wesen des Imperialismus und seine Bedeutung für den Kampf der Arbeiterklasse. Es sind nicht Thesen zur Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung. Ich verstehe sie so, dass sie eine erste Thematisierung und Abgrenzung zu falschen Imperialismusvorstellungen sind (transnationales Kapital, multipolare Weltordnung, etc.).
      Stattdessen stelle ich die Frage an Frank Braun, warum er die UdSSR und ihre großen Erfolge im Kampf gegen den Imperialismus, nicht nur durch den Sieg gegen den Faschismus, weglässt. Die UdSSR spielte auch eine wesentliche Rolle für die Siege im antikolonialen Kampf. Und warum wird die Zusammenarbeit Chinas mit dem Imperialismus von ihm nicht erwähnt? Spielte es in vielen Auseinandersetzungen (Vietnam, Afghanistan,…) nicht eine offenkundig konterrevolutionäre Rolle?
      Die Kritik zu den Punkten zu den Querfronten verstehe ich nicht. Soll das heißen, es gibt sie nicht oder sie sind unwichtig? Was soll in diesem Zusammenhang mit voluntaristisch gemeint sein?
      Ziel des Klärungsprozesses soll unter anderem sein, zu zentralen Streitpunkten der kommunistischen Bewegung zu arbeiten. Wäre gut, dann auch auf die Argumente einzugehen oder Kritik inhaltlich auszuführen statt nur pauschale Aussagen oder Andeutungen zu machen.

  4. Lieber Frank,

    nein, die „Thesen über den Imperialismus“ sollten wirklich nicht das gesamte Feld der Entwicklung des Imperialismus von Lenin bis heute abgrasen – wenn ich das, noch dazu auf einem so kleinen Raum, könnte, wäre ich ein Genie, was zweifellos aber nicht der Fall ist.

    Was ist ihre Funktion denn dann?

    Ähnlich wie beim „Selbstverständnis“ des Klärungsprozesses geht es darum, das Feld einer Diskussion abzustecken. Es geht also nicht darum, die einzelnen Grashalme des Feldes genau zu beschreiben, es geht auch nicht um die Geschichte des Feldes – es geht um die aus meiner Sicht den heutigen, den aktuellen Notwendigkeiten und Gegebenheiten angepasste Beschreibung der Grenzen des Feldes.

    Wozu das?

    Das ist genau wie beim Klärungsprozess auch. Das „Selbstverständnis“ ist weder die Keimform des Programms einer künftigen KP noch beansprucht es Vollständigkeit bei dem, was es beschreibt. Es steckt die Grenzen derer ab, die eine künftige Diskussion über kommunistische Praxis und Theorie organisieren wollen, und zwar eine Diskussion, die auch über die den Organisatoren für sich allerdings verbindlich akzeptierte Grenzen hinweg geführt werden soll.

    Wenn also im Rahmen des Klärungsprozesses über den Imperialismusbegriff diskutiert werden soll, dann plädiere ich (als Einzelperson, nicht für den gesamten bundesweiten Zusammenhang!) dafür, das im Rahmen eines abgesteckten Feldes zu tun, wie ich es sehen. Das heißt zB:
    – die Lenin’sche Imperialismustheorie als Argumentationsbasis zu akzeptieren;
    – von der seit 1989 dramatisch gewachsenen Komplexität innerimperialistischer
    Widersprüche auszugehen, die heutige künftige Kriege „in sich tragen wie die
    Wolke den Regen“, anstatt von einer an Kautsky erinnernden neuen Version
    des „Ultraimperialismus“ zu sprechen;
    – von der Notwendigkeit der sozialistischen Revolution als einzig möglicher
    Beendigung der Epoche des Imperialismus auszugehen, was zugleich die
    Beziehung von Antiimperialismus und Sozialismus / Kommunismus
    mitbestimmt;
    – anzuerkennen, daß auch die ehemals sozialistischen Staaten (mit
    verschwindenden Ausnahmen) heute kapitalistische Staaten im
    imperialistischen Stadium sind, besonders Rußland und China;
    – daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß alle internationalen
    Bündnissysteme, auch BRICS, „Neue Seidenstraße“ etc.pp. heute
    imperialistischen Charakter tragen;
    – woraus wiederum folgt, daß es derzeit in zwischenimperialistischen
    militärischen Konflikten keine für Kommunisten irgendwie unterstützenswerten
    Kräfte gibt;
    – was zum Schluß in die Abgrenzung gegen die „nationale“ wie die „antideutsch“ /
    „antinationale“ Querfront mündet.

    Es ging und geht mir also überhaupt nicht um eine vollständige Imperialismustheorie, sondern um die Offenlegung meiner Position, von der aus ich vorschlage, im Rahmen des Klärungsprozesses über aktuelle Probleme des Imperialismus und des antiimperialistischen Kampfs zu diskutieren.

    Die historischen Probleme und Fragen, zu denen Du hier anmerkst, daß sie nicht erwähnt seien, sollen unbedingt diskutiert werden – für mich zB. ist es eine ungeklärte und wichtige Frage, welche konkreten Konsequenzen die Selbstauflösung der KI 1943 für den damaligen und seitherigen Antiimperialismus hatte und wie sich diese Konsequenzen auch für die revolutionäre, kommunistische Bewegung international und in einzelnen Ländern auswirkte – sowie, und darum muß es immer gehen, welche Konsequenzen wir für die Formulierung antiimperialistischer Politik heute daraus ziehen.

    Vielleicht ist damit auch deutlich geworden, daß die Ablehnung der „beiden Querfronten“ am Schluß meiner Thesen keineswegs voluntaristisch sind. Sie folgen vielmehr aus meinen antiimperialistischen Positionen. Selbstkritisch muß ich hinzufügen: ich hätte deutlich machen müssen, daß es aus systematischer Sicht zwar in der Tat heute zwei Querfronten gibt, die aber praktisch und konkret keineswegs gleichgewichtig auftreten.
    Die „nationale“ Querfront um Positionen wie die der Freidenker, der Arbeiterfotographie, von „Souveränisten“ wie Daniel Schikora, der NRhZ, Krokodil, Ken Jebsen, auch Mitglieder der DKP usw. rufen heute gegen das angeblich einzig imperialistische Zentrum, die USA, das „Imperium“ quasi zur Vaterlandsverteidigung auf und bewegen sich dabei immer wieder in die Nähe zu der extremen Rechten à la Popp, Mährholz, Elsässer usw.
    Die „antideutsch“ / „antinationale“ Querfront löst die Komplexität der Widersprüche in der „imperialistischen Pyramide“, wie Aleka Papariga sie meines Erachtens richtig beschrieben hat, in die andere Richtung auf und ernennt USA, Israel, „den Westen“ zum Zentrum heutiger „Zivilisation“, die es gegen die Barbarei zB. „des Islam“, aber auch „der Subalternen“ oder „der deutschen Verhältnisse“ zu verteidigen gelte.
    Diese zweite Querfront ist heute in der sogenannten „radikalen Linken“ mehr oder weniger hegemonial und hat eine über sie weit hinausreichende mediale und zeitgeistige Bedeutung. Sie berührt sich unmittelbar mit rechten und regierunsamtlichen deutschen Positionen zB. im Nahostkonflikt. Sie ist selbst in liberalen, gewerkschaftlichen und linken Kreisen akzeptiert, zum Beispiel auch zunehmend in der Redaktion der jW ( die sich jüngst lautstark gegen die eine der beiden Querfronten aussprach, aber nicht zufällig keinen Ton über die andere verliert – aber das ist ein Thema für sich…).

    Abschließend: ich würde es begrüßen, wenn Du Deinerseits Thesen zum Thema vorlegen würdest, die in ähnlicher Weise wie meine hoffentlich dazu beitragen, daß wir in einigen Jahren in der Frage der Analyse des Imperialismus, vor allem aber auch in der praktischen antiimperialistischen Arbeit entscheidend weiter sind als heute. Darum muß es gehen.

    Zum Schluß hier noch ein paar Tipps zum Weiterlesen – nicht, weil ich die verlinkten Texte irgendwie fehlerfrei fände, sondern weil ich damit deutlicher machen will, worum es mir geht, woher ich meine Positionen beziehe oder sie andernorts schon vertreten habe, und um mich damit zugleich angreifbarer, kritisierbarer zu machen, wenn Du denn bei Deiner Kritik bleiben willst:

    Aleka Papariga, Über den Imperialismus und die imperialistische Pyramide:
    http://www.triller-online.de/k0662.htm

    Klara Bina, „Antinationaler Internationalismus“: https://wurfbude.wordpress.com/2016/06/15/klara-bina-antinationaler-internationalismus/

    Arbeitskreis 8. Mai, https://wurfbude.wordpress.com/2016/05/02/jutta-ditfurth-und-die-neocon-querfront/

    Hans Christoph Stoodt, „Krach in der imperialistischen Pyramide“: https://www.unsere-zeit.de/de/4836/29/3475/Krach-in-der-imperialistischen-Pyramide.htm

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